Geistespflege für die dringend notwendige Bewusstseinskultur

Der Anblick von Leid und Ungerechtigkeit in der Welt löst in mir immer wieder Ohnmacht aus. Ich bin «ausser mir», angespannt und würde am liebsten gleich handeln … oder mich unter die Decke verkriechen. Ich vermute, dass es vielen ähnlich ergeht. Aus Erfahrung wissen wir natürlich, das ist meistens nicht «nachhaltig».

Wenn ich zurückblicke zeigt mir die Erfahrung, dass ich für meine Mitwelt vor allem dann unterstützend bin, wenn ich offen, präsent und entspannt „in mir ruhe“. Aus dieser mitfühlenden wachen Haltung erkenne ich am klarsten, wo ich mit meinen persönlichen Ressourcen gefragt bin.

Kann somit gesagt werden, dass unsere mitmenschliche Verantwortung auch in der permanenten Pflege des Geistes liegt und Basis für eine faire nachhaltige Gesellschaft ist?

Eigentlich nichts Neues, dennoch fehlen uns niederschwellig zugängliche Orte dafür und die Routine. 

Seit Jahrzehnten boomen Wellness-Orte und therapeutisch-spirituelle Angebote, die sich positiv auf Körper, Psyche und Selbstwirksamkeit auswirken. Aber reinigen diese Angebote tatsächlich auch den Geist?

Natürlich gibt es seit Jahrtausenden ethische-moralische Grundlagen mit entsprechenden politischen und religiösen Gesetzen und Geboten. Dennoch reagiert die Mehrheit von uns mit einem unkultivierten Geist, einem „wilden Rösslein“ gleich. Kaum sind wir z.B. im öffentlichen Bus, lassen wir uns von belanglosen Bildern der installierten Bildschirme ablenken. 

Wollen wir das?

Unser Geist reagiert automatisch aufgrund alter Überlebensimpulse, die im heutigen Kontext wenig Sinn machen und vom Marketing ausgenutzt werden. Doch wir haben eine Chance: unsere neuronalen Strukturen sind bis ins hohe Alter veränderbar – das bestätigt heute auch die Neurowissenschaft.

Wollen wir uns weiterhin die Aufmerksamkeit „räubern“ lassen aufgrund „überholter“ Instinkte? Und wo finden wir das Wissen für eine nachhaltige Geistespflege?

Die Kultur der Geistespflege wurde und wird aus Erfahrungs-Berichten diesbezüglich begabter Menschen gesammelt. Seit mindestens 2500 Jahren wird diese Kultur weitergegeben. Zuerst nur in geschlossenen Gruppen – heute immer grossflächiger. Wir erkennen sie in verschiedenen «Kleidern»: in tieferen Schichten aller Religionen, in Strömungen der Philosophie, als heilige Essenz aller Kulturen, in der modernen Bewusstseins-Forschung, etc.

Die meisten dieser Traditionen gehen davon aus, dass «Weisheit und Liebe» zutiefst in uns allen lebt und erfahrbar wird, wenn wir uns entschieden und regelmässig darauf ausrichten und ganzheitlich einlassen.

Seit rund 30 Jahren gibt es immer mehr wissenschaftlich anerkannte Bewusstseins-Forschung. Dadurch wird dieser „existenzielle Brennpunkt“ vermehrt im öffentlichen Raum reflektiert, diskutiert und anerkannt. Unterschiedliche Disziplinen finden zusammen und bereichern einander. Der Bewusstseins-Forscher Thomas Metzinger hat vor Jahren den Begriff „Bewusstseinskultur“ kreiert und spricht in diesem Zusammenhang von säkularer Spiritualität & Intellektueller Redlichkeit. Symbolisierte Qualitäten und Riten aus frühen Weisheits-Traditionen der Geistespflege werden operationalisiert und damit konkretisiert. Das macht vieles fassbarer, verständlicher und praktikabel. Das brauchen wir heute.

Nicht destotrotz wird das „Ewige Geheimnis“ verhüllt bleiben. Das ist gut so – es begründet unsere dringend notwendige Demut, Achtung und Liebe allem Leben gegenüber.

Was ist Geistespflege konkret?

Oder wie kultivieren wir offene fliessenden mitfühlende Weisheit, ohne in egozentrische Selbstoptimierungsfallen oder Erwachens-Phantasien zu tappen?

Vielleicht könnte man es am einfachsten so ausdrücken: 

Den Geist regelmässig von „steckengebliebenen Resten“ reinigen – ähnlich dem täglichen Zähneputzen, dass uns allen so wichtig ist, um gesunde, strahlende Zähne zu behalten. Zum Beispiel  mit regelmässiger stiller Meditation oder anderen regelmässigen Formen des Innnehaltens und Loslassens. 

Dadurch bliebe unser Gewahrsein frischer, freier und fliessender und wir könnten angemessener und sozialverträglicher im gegenwärtigen Moment handeln. Unser angestrengtes überladenes „Ich“ dürfte sich entspannen und trotzdem wach, vertrauensvoll und freudig „am Ball bleiben“ und erkennen, was der nächste sinnvolle Schritt ist. 

Was für eine Wohltat für uns selbst und unsere Mitwelt!

Wie stabilisieren wir diese Haltung?

Es braucht dazu eine selbstverständliche tägliche Routine – wie beim Zähneputzen. Es wäre natürlich schön, gäbe es neben der „Zahnputzfee“ im Kindergarten auch die «Geistputzfee», um uns von Klein auf dafür zu sensibilisieren. Die eigene Geistespflege wäre dann ein völlig normaler Vorgang in unserem Lebensalltag und damit auch in unserer Gesellschaft. Wir wären weniger manipulierbar und dadurch freier, um wahrzunehmen, was uns im Leben wirklich wichtig ist. 

Leider sind wir noch weit davon entfernt. Wir realisieren tag täglich, wie schwierig es ist – trotz regelmässiger Übung – den Geist wach und frei zu halten. Aber lassen wir uns dadurch nicht entmutigen. Bleiben wir dran – und unterstützen einander.

S T I L L E    w e c k t     u n s   !